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Anja Kümmels fast brillanter Roman

„Hope’s Obsession“ ist ein – wenn auch nicht lupenreiner – Diamant unter den Liebesgeschichten

© Die Berliner Literaturkritik, 02.02.09

 

Jason Lees Figur bringt es auf den Punkt, nachdem Tom Cruise ihm das Date ausgespannt hat. „Du wirst nie den exquisiten Schmerz des Mannes kennen lernen, der alleine den Nachhauseweg antritt.“ Die Szene stammt aus „Vanilla Sky“, einem US-amerikanischen Spielfilm, in dem es um die große Liebe geht. Und darum, sie zu verlieren. Wenngleich ein Remake, ist „Vanilla Sky“ ein bezaubernder Film über das wohl schmerzhafteste und andauerndste Gefühl der Welt: Liebe(skummer).

Gute Liebesgeschichten zu erzählen ist eine Kunst. Das gilt für den Film genauso wie für die Literatur. Denn es gilt, den schmalen Grad zu meistern, der gesäumt ist von Rosamunde-Pilcher-Kitsch, Poesiealbumemotionalität und Romantic-Comedy-Realitätsferne. Das schaffen in der Tat nur wenige Filme. Und noch weniger Bücher. „Hope’s Obsession“ ist ein – wenn auch nicht lupenreiner – Diamant unter den Liebesgeschichten. Dabei startet der Roman der Bremer Autorin Anja Kümmel recht verhalten, fast verschwurbelt, so dass man sich fragt, was man hier liest und warum man das Buch nicht weglegen sollte. Verschwurbelt, weil Hope, eine der beiden Protagonisten des Buches, im Krankenhaus aus einer langen Bewusstlosigkeit erwacht. Bis das allerdings passiert, ergeht sich Kümmel in naheliegenden und deshalb sehr schnell enervierend werdenden Dunkelheit-Licht-Metaphern, die das Erwachen zu fassen versuchen. Aber einmal aus dem Koma erwacht, gewinnt das Buch oder vielmehr die Handlung an Fahrt.

Hope und ihre beste Freundin Kyra, die andere Protagonistin, kehren zu ihrem Studentinnenalltag zurück, der durch den Krankenhausaufenthalt unterbrochen wurde. Dabei wechselt Kümmel die Erzählperspektiven zwischen Hope und Kyra. Erstere ist froh, die vermeintliche Krankheit überlebt zu haben, Kyras Seite der Geschichte allerdings macht deutlich, dass es sich um keine Krankheit gehandelt hat. Zumindest keine Krankheit im klassischen Sinne. Es stellt sich heraus, dass Kyra, die Neurowissenschaften studiert, Hope in einem experimentellen Verfahren die Erinnerungen an eine unglückliche Liebe entfernt hat. Das erinnert an Michael Gondrys Film „Eternal Sunshine Of The Spotless Mind“, in dem eine Arztpraxis ihre Patienten von unliebsamen Erinnerungen befreit.

Und wie im Film, dessen Pointe ist, dass Liebe keine Frage der Erinnerungen ist, wird Hope von diesem Schmerz heimgesucht, wird schwermütig, fühlt sich verfolgt. Ab diesem Moment gerät Kümmel auch ins Schlingern, weil sie es nicht vermag, dem Leser diese emotionale Verfassung nachvollziehbar zu machen. Sie schreibt lieber, dass Hope glaubt, es gebe einen Geist in ihrer Wohnung, der sie verfolgt. Die Bodenständigkeit der strebsamen Studentin, die Hope neben dem von Liebeskummer gezeichneten Schatten auch ist, lassen diese Geister-Geschichte aufgrund ihrer fehlenden Plausibilität kein Teil der Geschichte werden.

Aber es folgen eben auch ganz und gar großartige Momente, solche, in denen Hope ihrem Schatten zu entkommen versucht. Zum Beispiel, als sie ihren Kommilitonen Ben trifft, der sich offenbar in sie verliebt hat. Sie küssen sich und es endet nicht im Sex, sondern darin, dass Hope ihm in den Hals beißt, um ihre Leere mit Blut zu füllen. Und es folgen ganz und gar großartige Sätze wie der, den Kyra ihrem Freund sagt, als sie sich mal wieder über Hope unterhalten: „Vielleicht ist die unerwiderte Liebe die aufrichtigere.“ Natürlich endet der Roman, dessen Titel deutlich besser, sprich: weniger naheliegend hätte gewählt sein können, damit, dass Hope ihrer großen Liebe über den Weg läuft. Ob es sie wieder in den Abgrund reißt? Ob dieses Mal die Gefühle erwidert werden? Kümmel lässt es, dankenswerterweise, offen. Klar ist nur, was von Anfang klar ist in dieser immer wieder fast brillant erzählten Geschichte: Es gibt keinen so exquisiten Schmerz wie den, alleine den Nachhauseweg anzutreten.

Literaturangaben:
KÜMMEL, ANJA: Hope’s Obsession. Morgana Verlag, Leipzig 2008. 12 €.

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