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„Aber nicht doch...“

Wladimir Kaminers „Ich mache mir Sorgen, Mama“

Von: JULIA MEYN - © Die Berliner Literaturkritik, 13.01.05

 

„Würden Sie diesem XY ihr Geld anvertrauen?“, „Nein!“, denken Sie. – „Ja!“, antwortet die Werbung. Und ähnlich formuliert es Wladimir Kaminer mit seinem neuen Buchtitel, der die Reaktion nach einem Blick auf den Gang unserer Gesellschaft darstellt: „Ich mache mir Sorgen, Mama“. Und seine Replik lautet: „Aber nicht doch ...“

Dabei meint auch Kaminer diese Art von Vertrauen, welche die Werbung im Visier hat. Denn oft sind es nur die Vorurteile, die uns voneinander trennen, anstatt der wirklich gemachten Erfahrung. Da ist so viel und da sind so viele, die nicht zusammenpassen, aufgrund der Umstände aber doch in der gleichen Lebensnische landen. Wenn man das nicht so eng sieht, dann ist es sehr unterhaltsam zu sehen, wie Schwarz und Weiß dennoch aneinander partizipieren.

Und es geht nicht nur, wie es der Leser bei Wladimir Kaminer zunächst denken könnte, um die Erfahrung zwischen Russen und Deutschen, sondern auch um die Annäherung zwischen den Alten und den Jungen, den Jungen und den neuen Jungen, den Armen und den Gutsituierten, den Dienstleistern und den Kunden, den Groß- und den Kleinstädtern oder auch den Tieren im Zoo und denen, die in der Stadt und auf dem Land leben. Wladimir Kaminer schreibt über sie und er schreibt für sie. – Um seinetwillen sollten auch die Tiere lesen lernen.

Zum Durchdrehen schön

Schon die Aufmachung des Buches scheint einem großen Wunsch nach Integration gerecht zu werden: Da wird die Schrift grundschüler- und seniorengemäß groß gehalten und ein braver Kolumnentitel, begleitet von einem seitenlangen Inhaltsverzeichnis, bekundet dem Leser jederzeit, in welchem Kapitel er sich gerade befindet. Dabei läuft der Leser nicht wirklich Gefahr dies zu vergessen: jedes Kapitel macht im Schnitt vier Seiten aus, nicht chronologisch sortiert. Das Buch ist also für die großen, aber auch für die ungeübten Leser, die sich nicht gerne durch die dicken Wälzer kämpfen, die ein Buch gerne einfach mal so aufschlagen, um draufloszulesen.

Die Botschaft kommt immer rüber: Es geht um offensichtlich Unvereinbares, das sich dann aber doch zusammentut oder es doch zumindest versucht – denn ist eine, mit an den Panzer montierten Rädern, zivilisierte, schnelle Schildkröte wirklich glücklicher? Wohltuend kommt Kaminers geschriebene Leichtigkeit hinzu, seine wohlerzogene Art, mit der er von den Eigentümlichkeiten der verschiedenen Nischen erzählt. Er macht schmunzeln, immer wieder. Und lässt sympathisieren, mit dem Fremden. Macht neugierig.

Schön zu lesen, wie ein Großstädter das deutsche Kleinstadt-Leben erfährt: „Zum Durchdrehen schön: Vormittags standen sie alle draußen in der Fußgänger-Zone, aber mit Einbruch der Dunkelheit wurden die Straßen dort sofort und freiwillig geräumt.“ Wie ein russischer Ausländer versucht, sich einem neuen Wirtschaftssystem anzupassen, ein Geschäftsmann zu werden: „Mein Vater ging in die großen Kaufhäuser, fand sofort Marktlücken und notierte sie.“

Alltäglicher Wahnsinn

Dem Beispiel der Annäherung folgend, kann der Schriftsteller und Club-Besitzer Kaminer dann auch selbst von zwei Pauschal-Club-Urlauben berichten: „Im Kinderbecken lagen Rentner mit Masken, Flossen und Schnorcheln, die eine Gratis-Schnupperstunde bei Dieters Tauchschule gebucht hatten.“ Kritik findet das deutsche Integrationsrecht, demzufolge auch nach zwölf Jahren Existenz in Deutschland kein deutscher Pass ausgestellt wird oder ein Dreijähriger bekannt geben soll, wie lange er beabsichtigt, in Deutschland zu leben. Es gibt viele Hindernisse auf dem Weg zur Gemeinsamkeit.

Und wie sieht es nun mit den neuen Jungen aus? – Wir müssen ihnen unser Wissen beibringen: „Sag mal, Sebastian, was bringen uns die Hühnchen?“ „Fell“, sagt Sebastian. – Annäherung muss auch gelehrt werden. Das ist der Gang der Entwicklung emergenter sozialer Systeme: Das, was wir beobachten, können wir durch eigenes Handeln beeinflussen, um durch das Feedback der anderen wiederum selbst zu lernen.

Aber eine Ablösung ist unumgänglich: „Sie warten, bis sie achtzehn werden und dann die Stadt endlich übernehmen dürfen.“ – Und damit sind nicht nur die neuen Jungen gemeint. Und diese Ablösung hat ihr Gutes: „Die Jugend brachte Zwang und Drang, das Alter Dösen und Erlösen.“ Wir alle tun gut daran, das zu erkennen: Wir müssen Erfahrungen sammeln und Erfahrungen geben, damit wir uns Vertrauen schenken können.

 

Literaturangaben:
KAMINER, WLADIMIR: Ich mache mir Sorgen, Mama. Manhattan Verlag, München 2004. 254 S., 18,- €.

Julia Meyn arbeitet als freie Journalistin in Berlin für dieses Literatur-Magazin


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