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Von Autos bis multikulturelle Gesellschaft

Sachbuch-Presseschau vom 28. Februar 2005

© Die Berliner Literaturkritik, 28.02.05

 

BERLIN (BLK) -- Die Sachbuch-Presseschau vom Montag beherrschen vor allem verschiedene Bücher zu den Themen Automobilbranche sowie Situation und Integration von Menschen islamischen Glaubens in Deutschland. So „wagen den Blick in die Glaskugel“ die Autoren des Buches „Die smarte Revolution in der Automobilindustrie“ und Günther Lachmann gehe „fast buchhalterisch“ in seiner Studie „Tödliche Toleranz“ vor. Außerdem liege mit Heike B. Grötemakers Biographie zu Margret Boveri ein „materialreiches“ und „blendend formuliertes“ Buch vor. Als „klug [und] erzählfreudig“ erweise sich Jürgen Mantheys Buch über Königsberg.

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“

„Mut“ bewiesen „die Autoren [Philipp Radtke, Eberhard Abele und Andreas Zielke] der […] breitangelegten empirischen Studie“ mit dem Titel „Die smarte Revolution in der Automobilindustrie“, konstatiert der Rezensent der „FAZ“. Die Verfasser „wagen den Blick in die Glaskugel“ und prophezeiten „für die Automobilindustrie eine dritte Revolution […], die diese Industrie mindestens so stark verändern werde wie seinerzeit die Einführung der Fließbandproduktion durch Henry Ford sowie der Siegeszug der von Toyota initiierten schlanken Produktion […] in den neunziger Jahren.“ Abgesehen davon offeriere das Buch „wichtige Orientierungshilfen zum Erkennen von möglichen Marktchancen und -risiken.“ Jedoch bringe es „etwas einseitig die zu erwartenden technischen Veränderungen der Fahrzeuge als Treiber der Branchenentwicklung in den Vordergrund.“ Darüber hinaus streiften die Autoren nur „den Einfluß der Globalisierung auf die Industriestruktur“, wodurch „die Darstellung […] insgesamt zu kurz“ ausfalle. Nichtsdestotrotz „erweist sich das Buch als aufschlußreiche Lektüre für Führungskräfte in der Automobilindustrie“, resümiert der Rezensent.

„Überaus diplomatisch“ präsentierten sich Philipp G. Rosengarten und Christoph B. Stürmer in ihrem Buch „Premium Power“, informiert der Rezensent der „FAZ“. Rosengarten und Stürmer würden die These vertreten, dass es „die vier Unternehmen“ - Mercedes-Benz, BMW, Porsche und Audi - erreicht hätten, „eine überlegene Wettbewerbsposition aufzubauen, obwohl die deutsche Autoindustrie gerade in den neunziger Jahren zunehmend gegenüber der japanischen Konkurrenz hinsichtlich Qualität und Produktivität in Rückstand geraten sei.“ Sie kämen zu dem Schluss, dass eine „spezifische Unternehmenskultur entscheidend für die Ausnahmestellung einer Marke sei.“ Die Autoren ließen keinen Raum für „trockene Theorie“ im eigentlichen Text, „sie bietet sich jedoch zu Horizonterweiterung im Anhang.“ Abschließend hält der Rezensent fest: „Die Verfasser haben die Fülle vermeintlich trockener Informationen in eine kurzweilige Lektüre verpackt, die nicht nur an der Oberfläche kratzt.“

Etwa siebenhundert Briefe, die Korrespondenz zwischen der Journalistin Margret Boveri und ihres Kollegen Paul Scheffer, seien „das Herzstück“ der Biographie über Boveri, schreibt die „FAZ“. „Ein deutsches Leben“, verfasst von der Berliner Historikerin Heike B. Görtemaker, behandele das Leben dieser 1900 in Würzburg geborenen Journalistin. Immer wieder werde Boveris Arbeitsdrang herausgearbeitet, der ihr so manche Ermahnung zur Zurückhaltung sogar von Seiten ihrer Arbeitgeber eingehandelt habe. Langeweile sei von der Tochter des Zoologen Theodor Boveri am meisten gefürchtet gewesen, demzufolge auch die Berichterstattung während des Krieges aus „neutralen Ländern“. Geprägt von den Unzulänglichkeiten der Weimarer Republik habe ihre „Bereitschaft, sich [...] dem Nationalsozialismus zu fügen“ eher aus einer Trotzhaltung gegen ihre amerikanische Mutter, denn aus Überzeugung hergerührt. Nach dem Krieg sei es ihre Stimme gewesen, die „im Konzert der bundesdeutschen Mehrheitsmeinung gerne ihren Sondersang erschallen ließ“. Gerade dieser Punkt komme etwas zu kurz. Da es sich nach Rezensentenmeinung um ein „materialreiches“ und „blendend formuliertes Buch“ handle, hätte man sich mehr gewünscht.

„Klug [und] erzählfreudig“ sei Jürgen Mantheys Buch über „Königsberg“, informiert der Rezensent der „FAZ“. Der Inhalt des Werkes bestehe „aus Porträts großer und kleinerer Geister, die mehr oder weniger lang in Königsberg lebten, sowie aus Kapiteln, die sich dem historischen Weg der Stadt widmen und in die biographische Skizzen eingefügt sind“. Dabei gehe der Autor chronologisch vor. „Kant und dessen Idee einer sich in Geselligkeit beweisenden Vernunft“ bilde für Manthey den Kern seiner Schilderungen. Das Buch sei „rechtzeitig zur Feier der Stadtgründung vor 750 Jahren“ erschienen und werfe nach Meinung des Rezensenten einen Blick auf das von Kant geprägte Königsberg, das sonst hinter den „öden, grauen, armseligen Straßen Kaliningrads“ nahezu „unsichtbar“ sei.

Mehr: Königsberger Stadtgeschichte(n) (Kurzmeldung)

„Süddeutsche Zeitung“

„Weit mehr als ein Memoirenband“ seien Wladyslaw Bartozewskis Gedanken und Erinnerungen zum deutsch-polnischen Verhältnis in „Und reiß uns den Hass aus der Seele“, so die „SZ“. Der 1940 nach Auschwitz deportierte und „unvermutet [von dort] entlassene“ Pole, Teil der damaligen „polnischen katholischen Intelligenz“, sei Mitglied der Geheimorganisation Zegota gewesen, die in Warschau „Hilfe für versteckte Juden“ organisiert habe. Das Buch erzähle weiterhin vom Verhältnis der beiden „Erbfeinde“ nach dem Krieg, von der vorsichtigen Annäherung „jenseits der Politik“ und von den späteren Ämtern Bartoszweskis als Senator und Außenminister. Das Buch offenbare auch Gründe für die momentanen Spannungen zwischen Deutschen und Polen, wobei sich der Autor als „guter Erzähler“ zeige, der es verstehe, „Personen farbig zu charakterisieren“ und auf diesem Wege immer wieder Anekdoten einzuflechten, so das Resümee des Rezensenten.

Die „SZ“ stellt zwei Bücher zum Thema junge Migrantinnen und ihre Integration in die deutsche Gesellschaft vor. Necla Kelek gehe in ihrem Werk „Die fremde Braut“ auf „den Handel mit einer Ware, der Ware Frau“ ein, so die Rezensentin. Ihre Darstellung von Zwangsheiraten beziehungsweise „arrangierten Ehen“ sei Anlass für heftige Diskussionen. Die Autorin „wirft den Deutschen vor, sich hinter dem falschen Verständnis von einer multikulturellen Gesellschaft zu verschanzen […]. Den türkisch-islamischen Einwanderern wiederum hält sie vor, eine moderne Form der Sklaverei zu dulden oder gar zu betreiben“. Hanife Gashi habe ihr Buch „Mein Schmerz trägt deinen Namen“ aus der Perspektive einer Mutter geschrieben. Sie berichte „über ihre eigene Zwangsverheiratung und den so genannten Ehrenmord an ihrer Tochter Ulerika“. Die Rezensentin bezeichnet beide Bücher als „Brandschriften […], die Scham, aber auch Widerspruch provozieren sollen“.

„Tödliche Toleranz“ sei der Titel von Günther Lachmanns Studie, in der er sich mit der multikulturellen Gesellschaft auseinandersetze, so die Rezensentin der „SZ“. Seine These sei, „die deutsche Gesellschaft habe die Entstehung einer ausgegrenzten, fanatisierten Generation gar nicht bemerkt […], und die islamischen Einwanderer hätten die Integration zunehmend verweigert. Seine Schlussfolgerung klingt überaus bedrohlich: Europa […] erlebe die Rückkehr des Totalitären in Form eines Neo-Islamismus, dessen Ziel es sei, sich die liberalen Gesellschaften über eine terroristische Tötungsmacht untertan zu machen.“ Die Aufarbeitung des Themas sei nach Ansicht der Rezensentin „fast buchhalterisch, aber […] eindringlich“ erfolgt.

„Frankfurter Rundschau“

„Wer sich ein Bild von der Art und Weise machen will, wie Autoren der Gegenwart an Kant anknüpfen, für den ist der von Karl Ameriks und Dieter Sturma herausgegebene Band Kants Ethik genau richtig“, empfiehlt der Rezensent der „FR“. „Nicht alle Aufsätze des Bandes nutzen Kant, um mit seiner Hilfe eigene systematische Gesichtspunkte zur Geltung zu bringen. Im Gegenteil, oft herrscht die Tendenz vor, Kant gegen seine alten und neuen Kritiker in Schutz zu nehmen.“ Das Buch enthalte unter anderem Texte von John Rawls, „der explizit auf Elemente der Kantischen Philosophie zurückgreift“, Onora O’Neill, Barbara Hermann und Marcia Baron. Es gehe in den Aufsätzen „darum, die kantische Moral von dem Vorwurf zu befreien, sie sei abstrakt, bloß formal und enthalte keine motivationalen Anreize.“

(weg/fra/pru)

Literaturangaben:
AMERIKS, KARL / STURMA, DIETER (Hrsg.): Kants Ethik. mentis Verlag, Paderborn 2004. 298 S., 36,- €.
BARTOSZEWSKI, WLADYSLAW: Und reiß uns den Hass aus der Seele. Die schwierige Aussöhnung von Polen und Deutschen. Deutsch-Polnischer Verlag, Warschau 2005. 257 S., 19,90 €.
GASHI, HANIFE: Mein Schmerz trägt Deinen Namen. Ein Ehrenmord in Deutschland. Rowohlt, Berlin 2005. 250 S., 16,90 €.
GÖRTEMAKER, HEIKE B.: Ein deutsches Leben. Die Geschichte der Margret Boveri. Verlag C.H. Beck , München 2005. 416 S., 26,90 €.
KELEK, NECLA: Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005. 250 S., 18,90 €.
LACHMANN, GÜNTHER: Tödliche Toleranz. Die Muslime und unsere offene Gesellschaft. Piper, München 2005. 290 S., 14,- €.
MANTHEY, JÜRGEN: Königsberg. Geschichte einer Weltbürgerrepublik. Carl Hanser Verlag, München 2005. 736 S., 29,90 €.
RADKE, PHILIPP; ABELE, EBERHARD; ZIELKE, ANDREAS: Die smarte Revolution in der Automobilindustrie. Das Auto der Zukunft - Optionen für Hersteller - Chancen für Zulieferer. Verlag Carl Ueberreuter, Frankfurt 2004. 207 S., 48,- €.
ROSENGARTEN, PHILIPP G.; STÜRMER, CHRISTOPH B.: Premium Power. Das Geheimnis des Erfolgs von Mercedes-Benz, BMW, Porsche und Audi. Verlag Wiley VCH, Weinheim 2004. 243 S., 29,90 €.

Zu der Belletristik-Presseschau vom 28. Februar 2005:

Zu den Presseschauen vom 25. Februar 2005:


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